Monheim-Lexikon: Berliner Viertel

Es war das größte Richtfest, das Monheim je erlebt hat. Am 14. Oktober 1966 schwebte der Richtkranz über einem entstehenden Stadtteil, der später mehrere tausend Wohnungen umfassen sollte. Aus grünen Wiesen und wogenden Getreidefeldern war ein hundert Hektar großes Baugelände geworden. Hier entstand Monheim Süd, das heutige Berliner Viertel.

Unter den rund 1300 geladenen Gästen war auch der damalige Ministerpräsident Franz Meyers (CDU). 1960 hatte Meyers die Monheimer Stadtrechtsurkunde unterschrieben. Nun konnte er den baulichen Wandel vom Dorf zur Stadt aus eigener Anschauung erleben. „Möge ein neues Monheim entstehen, das die Erwartungen erfüllt, die seine Bewohner an ihre Stadt stellen“, sagte der nordrhein-westfälische Regierungschef in seiner Ansprache. Meyers lobte die Zusammenarbeit zwischen Monheim und Düsseldorf. 2000 Wohnungen – so hatten es beide Städte vereinbart – waren für Familien aus der Landeshauptstadt vorgesehen.

Stadtteil für 11.000 Menschen wuchs auf der grünen Wiese

Wie in anderen Großstädten auch, herrschte in Düsseldorf Wohnungsnot. Dank hoher Geburtenraten nahm die Bevölkerung beständig zu. Das innerstädtische Wohnungsangebot konnte damit nicht Schritt halten. Zudem stiegen die Ansprüche an den Wohnkomfort. Auch der stark zunehmende Verkehr belastete die Städte. Abhilfe sollten planmäßig, meist in rationeller Montagebauweise errichtete Trabanten- oder Satellitenstädte im ländlichen Umfeld schaffen. Wohnen, Arbeiten und Verkehr sollten entflechtet, innerstädtische Beengtheit durch Licht, Luft und Grün ersetzt werden. Für dieses Konzept ist der Ausbau von Düsseldorf-Garath ab 1961 ein ebenso typisches Zeugnis wie fünf Jahre später Monheim Süd und [intern]Baumberg Ost.

Für viele Familien waren die Siedlungen und Wohnungen der Neuen Heimat ein Fortschritt, waren hier doch Kinder- und Badezimmer Standard. Als ab Herbst 1966 die Möbelwagen nach Monheim rollten, waren für den Erstbezug fertiggestellt Häuser an der Tegeler, der Tempelhofer und der Lichtenberger Straße. Der Weg nach Süd führte über die später als „Schnalle“ bekannt gewordene Zufahrt von der Opladener Straße über den Berliner Ring.

Beim Richtfest an der Lichtenberger Straße (heute Steglitzer Platz) schwelgten die Festredner in Zahlen. Die Bauherrin, die gewerkschaftseigene Neue Heimat (NH) präsentierte sich als erfolgreiches Großunternehmen. Nicht nur in Monheim („unser absoluter Schwerpunkt“) war der Baukonzern aktiv, sondern mit ähnlichen Siedlungsprojekten in ganz Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus.

Bis 1963 hatte die NH im Bundesgebiet bereits 200.000 Wohnungen fertiggestellt. Das Monheimer Richtfest war zugleich „Sammelrichtfest“ für landesweit 5450 Wohnungen, die sich am Stichtag 14. Oktober 1966 im Bau befanden. Für Monheim Süd waren allein 3770 Wohnungen vorgesehen. Auf der Grundlage des Flächennutzungsplans, den der Neusser Architekt Dr. Justinus Bendermacher (1905–1994) für die Stadt Monheim erarbeitet hatte, ließ die NH in Zusammenarbeit mit dem Architekten Hans Bernhard Reichow (1899–1974) die Großwohnanlage Gestalt annehmen.

Reichow, Autor von Büchern über „Organische Baukunst“ und des 1959 erschienenen „Die autogerechte Stadt – Ein Weg aus dem Verkehrs-Chaos“, hatte auch eine Denkschrift „Die Stadtlandschaft Monheim-Langenfeld“ verfasst, die in Auszügen 1965 in Heft 5 der Zeitschrift „StadtBauwelt“ veröffentlicht wurde. Die Stadt Monheim bestehe „aus drei ausgeuferten Dörfern – Hitdorf, Monheim und Baumberg –, die sich nirgendwo als Stadteinheit erfassen lassen. Die bevorstehende Errichtung von 8000 Wohnungen in Baumberg und Monheim-Süd in nahem Beieinander gibt eine vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit, Monheims Stadteinheit erkennen und in Erscheinung treten zu lassen“, schrieb Reichow.

Der Rat hatte es einstimmig geschlossen

Gut ein Jahrzehnt lang wuchs das Berliner Viertel Bauabschnitt um Bauabschnitt, zuletzt auf 3500 Wohnungen und 11.000 Bewohner. Der Bevölkerungszuwachs für die Stadt war enorm. Bereits im Laufe des Jahres 1966 verzeichnete sie 2500 Neubürger, die Einwohnerzahl stieg bis zum Jahresende auf 24.000. Die Ausdehnung Monheims über den alten Ortskern hinaus war seit langem vorbereitet worden. Die „Großraum-Planung in der Stadt Monheim“ hatte der Rat am 24. Mai 1963 beschlossen.

Damals hatte die CDU zwölf Sitze, die SPD zehn und die FDP zwei. Der Beschluss für die „Großraum-Planung“ erfolgte einstimmig. Bei der Deutschen Bauausstellung in Essen wurde im Juni 1964 „Monheim Süd“ im Modell vorgestellt. Der Entwurf fand so große Beachtung, dass er zu einer weiteren Ausstellung nach London geschickt wurde. Rat und Verwaltung unternahmen mehrere Besichtigungsfahrten zu bereits realisierten Großwohnanlagen der NH in Norddeutschland.

Drei Baufirmen – Hochtief, Beton- & Monierbau und Betonfertigbau West – zogen die mehrgeschossigen Bauten in rascher Folge hoch. Sie bedienten sich vorgefertigter großflächiger Wand- und Deckenelemente, die auf Tiefladern herangeschafft und dann montiert wurden. Über die Baustellen ragte ein Wald von Kränen. Beton floss reichlich aus zwei Mischstationen an der Tempelhofer Straße und am Berliner Ring.

Die „Stadt vom Fließband“ findet Beachtung

Das standardisierte schnelle Bauen stieß bei den Zeitungen auf großes Interesse. „Vorfertigung hilft Bauzeit verkürzen“, beschrieb das Benrather Tageblatt am 24. November 1966, was der Kölner Stadt-Anzeiger am selben Tag so auf den Punkt brachte: „Haus fix fertig“. Sogar die Frankfurter Allgemeine nahm sich des Themas an. Sie widmete der „Stadt vom Fließband“ am 15. April 1967 einen Artikel in ihrer Wochenendbeilage.

In den Presseberichten spiegeln sich die Erwartungen jener Jahre, aber auch die Skepsis, die insbesondere die alteingesessenen Monheimer hegten. Monheims „bedeutungsvolle Zukunft“ wurde beschworen, aber auch die Befürchtung zitiert, Monheim werde zur „Schlafstadt Düsseldorfs“ verkümmern. Freilich profitierten die Alt-Monheimer nicht schlecht von den Zuzüglern: zunächst die Grundstückseigentümer beim Verkauf von Bauland, dann die Einzelhändler und Gewerbetreibenden im „Dorf“.

Dorthin mussten die Bewohner anfangs für jede Besorgung, denn außer bei fliegenden Händlern gab es keine Einkaufsmöglichkeiten. Im Sommer 1967 errichtete der [intern]„Konsum“ – wie die NH ein Gewerkschaftskonzern – immerhin eine provisorische Verkaufsstelle in einer Baracke in Höhe des heutigen Otto-Hahn-Gymnasiums.

Die Baracke ist längst verschwunden, ebenso wie die Schlamm-Landschaften rund um die Baustellen. Für die vielen Kinder in „Süd“ waren sie ein riesiger Abenteuerspielplatz. Später wurden geordnete Grünanlagen und Spielplätze daraus. An Bäumen hat die NH übrigens nicht gespart, das Berliner Viertel ist heute ausgesprochen grün.

In den 1980er-Jahren machte die Neue Heimat mit großem Getöse pleite, der riesige Wohnungsbestand wurde von der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) übernommen. Im selben Jahrzehnt kam auch die Bezeichnung „Berliner Viertel“ auf. In Baumberg Ost errichtete die Neue Heimat ebenfalls ein Wohngebiet, allerdings etwas kleiner dimensioniert als das im Monheimer Süden.

Ein Pionier berichtet

Aus den Pioniertagen des Berliner Viertels berichtete der Journalist Götz Beckmann (1941–2010) im Herbst 1966 in den Düsseldorfer Nachrichten. Beckmann sah sich auf der Großbaustelle um: „Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, dass die Baufirmen ihre Tätigkeit aufnahmen. Damals gaben sie das Versprechen, 827 Wohneinheiten innerhalb von 18 Monaten schlüsselfertig an die Mieter zu übergeben. Die Frist ist noch längst nicht verstrichen, doch die ersten Mieter sind bereits eingezogen. Datenverarbeitung wacht darüber, dass alle Termine eingehalten werden.“

Die Bautechnik mit Fertigteilen ermöglichte ein ganz neues Arbeitstempo. Nicht Stein auf Stein wurde aufeinander geschichtet, sondern „riesige Kräne mit weitausladenden Hebearmen hieven ganze Wände mit Fenstern empor“. Lob fand der Zeitungsmann für eine voll möblierte Musterwohnung. „Entzückung und Begeisterung über die geschmackvoll eingerichteten Räume“ habe die Besucher ergriffen, sie „gerieten schnell ins Schwärmen und waren noch immer mit der Wohnungseinrichtung beschäftigt, als sie wieder den Heimweg antraten.“

Berliner Ring wirkte wie ein Sperrriegel

Wie man das neue Monheim mit dem alten wenn schon nicht vereinigen, so doch wenigstens verbinden könne, das war von Anfang an die Frage. Aus dem Viertel führte für Fußgänger ein Schotterweg, etwa in der Flucht der heutigen Friedrichstraße, Richtung Alt-Monheim. Dabei galt es, den vielbefahrenen Berliner Ring zu überwinden. Eine Druckknopf-Ampel verschaffte den Fußgängern etwas Erleichterung. Dennoch wurde der auf einem aufgeschütteten Damm verlaufende Berliner Ring als Sperrriegel empfunden.

Nach jahrelanger Diskussion beschloss der Rat am 22. September 1977 einstimmig den Bau einer Fußgänger-Unterführung unter dem Berliner Ring, um die Heine- mit der Friedrichstraße zu verbinden. Sowohl der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Martin [intern]Brüske als auch der SPD-Planungsexperte Dr. Hans-Dieter Kursawe lobten das Projekt. Es diene dem Zusammenwachsen von Stadtmitte und Monheim Süd.

Zwei Modelle waren durchgerechnet worden: Die Kosten für eine Brücke wurden 1977 mit 700.000 Mark veranschlagt, die für einen Tunnel mit 2,1 Millionen. Dennoch erhielt der Tunnel den Vorzug – die Brücke hätte wegen der örtlichen Gegebenheiten mit sehr schmalen und steilen Rampen ausgestattet werden müssen. Der Rat entschied sich für einen Durchgang mit 7,50 Meter Breite und drei Metern Höhe. Im Oktober 1978 reduzierte er bei einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen die Höhe aus technischen Gründen auf 2,65 Meter.

Der erste Spatenstich fand am 16. Januar 1979 statt, ausgeführt von der damaligen Technischen Beigeordneten Gisa Rothe. Fast genau auf den Tag elf Monate später war das Bauwerk fertiggestellt. Am 17. Dezember 1979 besichtigte es der Bau- und Planungsausschuss und gab es offiziell zur Benutzung frei. Viele Fußgänger hatten die neue Verbindung freilich schon seit Wochen erprobt. „Die sind uns unter dem Bagger hergekrochen“, zitierte die Rheinische Post einen Bauarbeiter.

Die Schlagzeile des Berichts lautete: „Die Passage ist keine Angströhre“. Hans Onkelbach schilderte seine Eindrücke: „Der Tunnel kann eigentlich überhaupt nicht als solcher bezeichnet werden. Von beiden Seiten ist er gut einsehbar und dunkle Ecken gibt’s nicht. Der eigentliche Unterführungsbereich ist nur 20 Meter lang.“ Das Projekt solle „gewährleisten, dass das stark abgelegene Bebauungsgebiet Monheim Süd für Fußgänger und Radfahrer leichter erreichbar ist und zudem mit dem noch zu gestaltenden neuen Stadtmittebereich um den Busbahnhof und die [intern]Heinestraße eine Einheit bildet.“

Letzte Änderung: 5. September 2014

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