Monheim-Lexikon: Gänseliesel und Spielmann

Wappenfigur und Sagengestalt schlossen Bund fürs Brauchtum

Neben dem Schelmenturm ist der Gänselieselbrunnen vor dem Rathaus-Center das wohl bekannteste Monheimer Wahrzeichen. Kaum eine Publikation mit lokalem Bezug, von der Ansichtspostkarte bis zur PR-Broschüre, verzichtet auf ein Foto der bronzenen Magd mit den beiden wasserspeienden Gänsen.

So populär die Figuren zweifellos sind, rätseln doch viele über deren Herkunft und Bedeutung: „Was hat es mit der Gänseliesel auf sich? Warum ist sie auch im Stadtwappen zu sehen?“ Mit diesen Fragen wird das Stadtarchiv immer wieder konfrontiert. Nicht selten folgt auf die Antworten sogleich eine dritte Frage: „Und wie kam es zur Liaison zwischen Gänseliesel und Spielmann?“

Ziehvater der Gänseliesel war Johann Peter Aschenbroich. Seit 1695 war er Vogt (ältere Schreibweise: Voigt; von lateinisch advocatus) des bergischen Amtes Monheim. In sein Dienstsiegel nahm Aschenbroich die Darstellung einer Magd mit einer Gans auf. Dem Vogt war die Rechtsprechung und die Verwaltung der Gerichtsbußen übertragen. Gegenüber der Freiheit Monheim war er der unmittelbare Vertreter der bergischen Grafen und Herzöge.

Mit Vogt Johann Peter Aschenbroich begann eine Familientradition, die bis 1803 Bestand hatte. Vom Vater ging die Vogtswürde 1744 auf seinen Sohn Leopold Franz über und 1774 auf seinen Enkel Johann Wilhelm Max.

Geschwätz schadet

Das war die Geburtsstunde der „Gänseliesel“ (auch wenn sie damals noch nicht so genannt wurde), die mit der Geste des vor die Lippen gehaltenen Zeigefingers ihr schnatterndes Federvieh dazu bringen will, den Schnabel zu halten. Was damit gesagt werden soll, liegt nahe und wird durch die lateinische Siegelumschrift noch verdeutlicht: „Nocet esse locutum“ (etwa: „Geschwätz schadet“) – in amtlichen Angelegenheiten soll Verschwiegenheit walten.

Möglicherweise hat Aschenbroich seinen Sinnspruch der römischen Literatur entlehnt. Die „Disticha Catonis“, wohl fälschlich Cato dem Älteren (234–149 v. Chr.) zugeschrieben, enthalten folgende Sequenz: „Rumores fuge, ne incipias novus auctor haberi; nam nulli tacuisse nocet, nocet esse locutum.“ (Nach einem freundlichen Hinweis von Eckhard Goldberg aus Mönchengladbach, 13. April 2014.)

Auf das Siegel der Aschenbroichs griff der Heraldiker Wolfgang Pagenstecher (1880–1953) zurück, als er im Februar 1939 für die damalige Gemeinde Monheim ein Wappen entwarf: „[…] Dieses Siegel ist vielen Urkunden im Besitze der Gemeinde Monheim aufgedrückt. Sie stammen alle aus dem 17ten und 18ten Jahrhundert. Mir liegt eine solche vom 28ten Julius 1791 vor, ausgestellt vom damaligen Amtsvogt Joh[ann] Wilh[elm] Aschenbroich. Im Siegelfeld unten, rechts und links von der Frauengestalt stehen die Buchstaben I P A und I M. Sie sind zu deuten als Joh[ann] Peter Aschenbroich Judex Monheimensis. […] Wir haben es […] hier keineswegs mit dem Gerichtssiegel zu tun, – dieses zeigt den heiligen Gereon mit Schild u[nd] Sperr und ist der gleichen Urkunde aufgedrückt, – sondern mit dem persönlichen Amtssiegel des Vogtes! […] Wenn heute das durch 3 Amtsgenerationen hindurch […] benutzte Siegel des Vogtes der bergischen Freiheit Monheim, unter Zutat des Bergischen Löwen zum Wappen der Gemeinde Monheim erhoben wurde, so soll damit den Bürgern der Gemeinde Monheim nicht mürrische Schweigsamkeit empfohlen werden und ganz sicher nicht soll ihnen verwehrt sein das offene deutsche Manneswort, ,der Zorn der freien Rede‘ (E[rnst] M[oritz] Arndt)! Und auch das mag bedenken, wer das Wappen sieht: ,Einstmals rettete das Geschrei der heiligen Gänse das Kapitol, die Stadt Rom und damit das Kulturzentrum der ganzen damaligen gebildeten Welt‘! – Daher: ,Alles zu seiner Zeit!‘“

Brunnen ist älter als das Wappen

Der „Monatliche Lagebericht des Amtes Monheim“ vom 5. März 1939, gerichtet an die NSDAP-Kreisleitung Bergisch-Land in Remscheid-Lennep, enthält die vollständige Wappenbeschreibung: „In Blau rechts auf grünem Boden eine barfüssige Jungfrau in silbernem Kleide mit einem Zweig in der erhobenen Rechten, den linken Zeigefinger vor dem Munde, links eine von ihr abgewandte schnatternde silberne Gans. Links oben der bergische silberne Schild mit dem roten blau bewehrten und gekrönten Löwen.“

Der Gänselieselbrunnen ist zwei Jahre älter als das Gänselieselwappen. Die heute grünlich schimmernde Magd mit den beiden Gänsen, aus deren Schnäbeln Wasserstrahlen schießen, wurde 1937 von dem Düsseldorfer Bildhauer Julius Haigis geschaffen und vor dem Neubau des Rathauses aufgestellt. Der [intern]Brunnen stand zunächst in der Grünanlage zwischen den Bahngleisen, 1988 wurde er an seinen jetzigen Standort vor dem Rathaus-Center versetzt.

Die Sage vom Spielmann

Die Geschichte vom Spielmann entstammt der bergischen Sagenüberlieferung. Der wahrscheinlich erste, der die „Wahrhaftige Begebenheit vom Jahre 1615“ unter dem Titel „Der lustige Spielmann von Monheim“ aufschrieb, war Vincenz von Zuccalmaglio (1806–1876). Unter seinem Pseudonym „Montanus“ („der Bergische“) veröffentlichte Zuccalmaglio 1837 das Buch „Die Vorzeit der Länder Cleve=Mark, Jülich=Berg und Westphalen“.

Nach eigenen Angaben verwertete Zuccalmaglio „manche bisher noch ungedruckte Urkunde“ und „manche schöne Sage, welche nur im Munde einzelner mährchenkundiger Weilerbewohner lebt“. Aus welcher Quelle sich sein „Spielmann“ speiste, bleibt demnach offen. Nach Montanus’ Bearbeitung fand die Sage wiederholt Aufnahme in Anthologien, wobei mancher Nacherzähler vor willkürlichen Kürzungen oder Ausschmückungen nicht zurückschreckte.

Das Paar

1955 verwandelten sich die bis dahin namenlose Magd des Vogtsiegels und der Held der bergischen Sage in Wesen aus Fleisch und Blut. Der [extern]Heimatbund vermählte die beiden zu „Gänseliesel und Spielmann“, und seither sind sie – in wechselnder Besetzung – als Traditionspaar unzertrennlich. Erste Gänseliesel war Anneliese Vieroth (verehelichte Clemens), erster Spielmann Richard Bremer. Am Rosenmontag waren sie Darsteller eines „Büttelspiels“, im Zug fuhren sie auf einem eigenen Wagen mit.

Als das 1975/76 vorübergehend nach Düsseldorf eingemeindete Monheim wieder selbstständig geworden war, machte die Stadt die Gänseliesel abermals zu ihrer Identifikationsfigur. Bei einer Wahl, an der sich im Oktober 1977 alle Bürgerinnen und Bürger beteiligen konnten, entfielen 655 Stimmen auf Angelika Lysaitschuk. Und wenige Wochen später, am 5. November, war auch der Spielmann wieder mit im Boot. Jürgen Kamphues überwand den Rhein nicht wie sein sagenhafter Vorgänger zu Fuß, sondern in einem Ruderkahn. Willi Siepen von der [intern]Fährstation Piwipp brachte den Spielmann sicher ans diesseitige Ufer unterhalb des Deusser-Hauses, begleitet von den „Nachejonge“.

Die [extern]Große Monheimer Karnevalsgesellschaft (Gromoka) hatte die Initiative zu diesem Spektakel ergriffen, das seither jährlich tausende Zuschauer anlockt. Die Gromoka sorgt mittlerweile auch dafür, dass jeweils pünktlich zum 11. 11. ein neues Paar die alte Tradition fortsetzt.

Quellen

Stadtarchiv Monheim am Rhein: Akte 106, Kleine Sammlung 103, Zeitungsausschnitte 212-05

Montanus [d. i. Vincenz von Zuccalmaglio], Der lustige Spielmann zu Monheim. Eine wahrhaftige Begebenheit vom J[ahre] 1615; in: Die Vorzeit der Länder Cleve=Mark, Jülich=Berg und Westphalen, Verlag von Albert Pfeiffer, 2. Auflage, Solingen 1837, S. 255–257 (Kopie im Stadtarchiv)

Überarbeitete und ergänzte Fassung eines Beitrags in Journal 20, Jahrbuch des Kreises Mettmann 2000/2001

Letzte Änderung: 15. Mai 2017

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